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Sexueller Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen

Die Begegnung mit Opfern und Tätern sexuellen Missbrauchs

Sexueller Missbrauch ist ein weitverbreitetes Übel in unserer Gesellschaft. Deswegen ist es ein wichtiges Thema – auch für Kirchengemeinden. Was verstehen wir darunter und wie gehen wir mit dieser sensiblen Thematik in unseren Kirchen um? 

Dieser Newsletter möchte darüber Auskunft geben, was es bedeutet, Betroffener und Täter sexuellen Missbrauchs zu sein. Wie kann gute Hilfe von Freunden, Familien und Kirchengemeinden geleistet werden? Und was hat das alles mit Gott zu tun?

I. Mia ist kein Einzelschicksal

Mias Eltern leben getrennt. Immer wenn sie ihren Vater an den Wochenenden oder in den Ferien besucht, passieren Dinge, die sie nicht versteht. Dabei sind ihre Tagebucheinträge davon gefüllt, wie sehr sie ihren Vater liebt. Er kümmert sich um sie, nimmt sie in den Arm, streichelt sie und kuschelt mit ihr – ganz im Gegenteil zu ihrer Mutter. Vor dem Spiegel schämt und ekelt sich Mia vor sich selbst. Wieso? Auf dem Rückweg von ihrem Vater kommen ihr die Tränen. Jedes Mal. Darüber reden? Mit ihrer Mutter? Daran denkt sie nicht. Ihr Vater liebt sie doch. Er fordert sie auf, sich von ihm im Bikini fotografieren zu lassen, begutachtet das Wachstum ihrer Brust und Schambehaarung. Mit 12 Jahren gefällt sie ihm noch mehr. Jetzt ist sie eine richtige Frau. Sie soll ihn berühren, und er beschreibt ganz genau wie. Überrascht ist sie über seine Ejakulation. Er erklärt, dies sei ganz normal und solle ein Geheimnis zwischen den beiden bleiben.

„Sie sind nicht allein."1http://www.missbrauch-opferratgeber.de/zahlen-und-fakten.html. So lautet der Eingangssatz eines online Ratgebers für Opfer von sexueller Gewalt. Zahlen und Fakten belegen diese Aussage. Mia ist kein Einzelfall. Die Welt gerät zu Recht in Aufruhr, wenn Fälle wie der der Odenwaldschule ans Tageslicht geraten. Nur bleiben noch zu viele Fälle sexuellen Missbrauchs unausgesprochen im Dunkeln. Dass sexuelle Übergriffe auch vor den Kirchentüren nicht haltmachen, ist spätestens seit den 2010 offengelegten Fällen in der katholischen Kirche, auch in Deutschland bekannt. Sexuelle Gewalt findet sowohl in christlichen Familien als auch in christlichen Gemeinden statt – nicht seltener als im säkularen Bereich.2Vgl. Eschmann, Missbrauch in der Gemeinde, 7. Die Aufklärung hingegen fällt oft noch sehr rar aus. Dieser Newsletter möchte Ohren, Augen und Herz für diese Thematik sensibilisieren und Mut machen sexuellen Missbrauch im Kontext der christlichen Kinder- und Jugendarbeit zur Sprache zu bringen. 

Nach einer ersten überblicksartigen, statistischen Einführung in die Thematik soll darauf folgend die Frage geklärt werden, was unter sexuellem Missbrauch überhaupt verstanden wird. Daraufhin wendet sich der Fokus auf die Opfer und die Chancen, Opfer von Missbrauch zu erkennen und mit Folgen von Missbrauch umzugehen. Anschließend soll  auch ein Einblick in die Täterperspektive gewährt werden. Im letzten Teil werden schließlich Perspektiven für den Umgang mit dieser Thematik im Kontext der christlichen Jugendarbeit aufgezeigt. 

II. Aufrührende Daten, Zahlen und Fakten

Ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik von 2012 zeigt, dass die Fälle von sexuellem Missbrauch bei Kindern in Deutschland ansteigen. Während im Jahr 2011 12.444 Fälle erfasst wurden, waren es im folgenden Jahr schon 12.623.3Vgl. Bundesministerium, http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen/Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 8.  1993 wurden 11.319 Fälle verzeichnet – ein Anstieg ist deutlich zu beobachten.4Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 8 Dabei ist zu bemerken, dass gerade in diesem Deliktsbereich von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. 

Über 90% der Opfer gehören dem weiblichen Geschlecht an. Junge Menschen sind überdurchschnittlich betroffen und gefährdet.5Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 25. Fast die Hälfte aller Opfer sind Kinder, Jugendliche und Heranwachsende bis zum 21. Lebensjahr.6Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de /fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 23.  Zwischen Opfer und Täter besteht in mehr als jedem zweiten Fall ein Verwandtschaftsverhältnis, oder Täter und Opfer sind sich näher bekannt.7Im vorliegenden Artikel wird durchgehend das männliche Geschlecht gebraucht (z.B. „Täter“), dabei wird das weibliche Geschlecht aber immer mitgedacht.  In nur einem Viertel der Fälle bestand kein näheres Verhältnis zwischen Täter und Opfer – oder das Verhältnis blieb ungeklärt.8Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 27.  17, 4% der Opfer erlitten sexuelle Gewalt sogar innerhalb einer Partnerschaft.9Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 28.  Beim Rest lag keine Beziehung zwischen Opfer und Täter vor. 

III. Sexueller Missbrauch - Zur Definition

Auf rechtlicher Ebene definieren die §174 ff. des Strafgesetzbuches (StGB) sexuellen Missbrauch.10Vgl. Heinrich Schönfelder, Deutsche Gesetze, Sammlung des Zivil-, Straf und Verfahrensrechts, München 2014, 90ff. 

Angefangen mit §174 wird hier sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen beschrieben. Täter, die in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu dem Missbrauchsopfer (bis zu 16 bzw. 18 Jahren) stehen, sei es durch Erziehung, Ausbildung oder Betreuung in der Lebensführung, haben schon bei einem Missbrauchsversuch mit einer Freiheitsstrafe zu rechnen.11Vgl. Schönfelder, Gesetze, 91.  

Außerdem thematisiert §176 den Missbrauch an Kindern, Mädchen und Jungen bis zu ihrem 14. Lebensjahr. Eine Person (ab 14 Jahren) macht sich strafbar, wenn sie sexuelle Handlungen an einem Kind vornimmt oder das Kind zu sexuellen Handlungen an sich oder einem Dritten veranlasst. 

Neben der juristischen Perspektive hilft folgende Definition einen biologischen und psychologischen Einblick in die Thematik zu bekommen. In jedem Fall nutzt demnach ein Erwachsener seine Autorität bzw. die Abhängigkeit des Kindes aus, um seine eigenen Bedürfnisse und Interessen zu stillen. Es handelt sich um eine grenzüberschreitende und erzwungene Sexualbeziehung sowie eine nicht altersgemäße Form der Sexualität.

Die Formen des sexuellen Missbrauchs variieren. Angefangen bei einer Belästigung, in Form einer Masturbation, oralen, analen oder genitalen Verkehrs bis hin zur einer Nötigung oder Vergewaltigung. Das Wohl des Kindes wird in jedem Fall beeinträchtigt. Körperliche und seelische Schäden, die zu einer Entwicklungsstörung führen, sind meistens die Auswirkung.12Vgl. mit folgender Definition: „Die sexuelle Misshandlung ist eine unter Ausnutzung einer Macht- oder Autoritätsposition (erzwungene) sexuelle Aktivität eines Erwachsenen mit einem/r Minderjährigen in der Form (1) der Belästigung, (2) der Masturbation, (3) des oralen, analen oder genitalen Verkehrs oder (4) der Nötigung oder Vergewaltigung (also des angedrohten oder tatsächlichen gewaltsamen Verkehrs), die zu einer körperlichen oder seelischen Schädigung bzw. zu einer Entwicklungsstörung führt und die das Wohl und die Rechte eines/r Minderjährigen beeinträchtigt.“ Wolff, Sexualmoral, 128. 

Dabei lässt sich zwischen Vorformen und tatsächlichen Formen der sexuellen Kindesmisshandlung unterscheiden. Unter ersteres fallen sexuelle „Anmachsprüche“, das Zeigen von Brust, Penis, Vagina, Anus (Exhibitionismus), das Masturbieren vor einem Kind, sowie das Beobachten nackter Kinder zur sexuellen Befriedigung (Voyeurismus).13Vgl. Wolff, Sexualmoral, 129f; vgl. auch Fegert, Sexueller Kindesmissbrauch, 29f; sowie Gründer Mechthild, Sexueller Missbrauch in Familie und Institutionen, Psychodynamik, Intervention und Prävention, 14ff.

Tatsächliche Formen sexueller Kindesmisshandlung sind z.B. das Berühren von Geschlechtsorganen oder Brüsten, oral-genitale Handlungen wie oraler Kontakt mit der Vagina oder dem Penis, sogenannter „trockener Verkehr“ ohne Penetration (Interfemoraler Verkehr), sexuelle Penetration (z.B. auch Penetration mit Gegenständen) und sexuelle Ausbeutung wie Kinderpornographie oder Kinderprostitution.14Vgl. Wolff, Sexualmoral, 130; vgl. auch Fegert, Sexueller Kindesmissbrauch, 29f;  sowie Gründer Mechthild, Sexueller Missbrauch in Familie und Institutionen, Psychodynamik, Intervention und Prävention, 14ff.

IV. Die Betroffenen

4.1. Die Opfer-Täter-Konstellation

Kindesmisshandlungen finden meistens im sog. „sozialen Nahraum“ statt. Dabei handelt es sich dann um ein Elternteil, Bruder, Schwester, Cousin, Lehrer, Mentor, Seelsorger oder Ähnliches.15Vgl. Bundesministerium, http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen/Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 27; vgl. auch Fourth National Incidence Study of Child Abuse and Neglect (NIS-4), Report to Congress, Andrea J. Sedlack, Jane Mettenburg u.a., 6-1ff.  Gerade die Tatsache eines vertrauten Verhältnisses zwischen Täter und Opfer macht den Schaden besonders groß. Dem Opfer fällt es dadurch sehr schwer sich von dem sexuellen Übergriff abzugrenzen, da hier durch die „Vertrauensperson“ eine völlige Verwirrung von „Wahrnehmung und Bewertung von Bedeutungen, Beziehungen und Gefühlen"16Wolff, Sexualmoral, 134.  verursacht wurde. 

Auch wenn sich grundsätzlich sagen lässt, dass sexueller Missbrauch in allen gesellschaftlichen Milieus vorkommt, so ist statistisch gesehen, das Risiko eines sexuellen Übergriffs in sozial schwächeren Milieus höher.17Wolff, Sexualmoral, 135.  Welche Kennzeichen zudem auf einen Missbrauch aufmerksam machen könnten, wird im folgenden Abschnitt beschrieben.

4.2. Anzeichen für sexuellen Missbrauch

Folgende Signale und Anzeichen bei Opfern von sexueller Gewalt können unterschieden werden: 

(1) Körperliche Symptome

Angefangen bei körperlichen Symptomen, die meist zu den eindeutigsten Alarmsignalen gehören, sollte man auf Verletzungen von Geschlechtsorganen, Unterleibsverletzungen, Bisswunden oder Blutergüssen im Genitalbereich, sowie Geschlechtskrankheiten und Pilzinfektionen achten.18Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 14.  Da der Täter selbstverständlich möglichst jegliche Spur seiner Tat zu vermeiden versucht, treten körperliche Anzeichen relativ selten auf.19Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 14f.  Außerdem wird ein Jugendmitarbeiter selbst kaum körperliche Schäden solcher Art ohne weiteres „sehen“ können. 

(2) Verhaltensauffälligkeiten 

Weiterhin können Verhaltensänderungen oder Verhaltensauffälligkeiten auf ein traumatisches Erlebnis aufmerksam machen. Betroffene versuchen sich immer mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu wehren oder Wege zu finden ihre Gewaltsituation auszuhalten und damit zu bewältigen. Doch selbstverständlich gehen ein regelmäßiges Erleben sexueller Gewalt, die andauernde Überschreitung der eigenen körperlichen Grenzen, der erfahrene Vertrauensbruch, die empfundene Einsamkeit und die quälenden Schuldgefühle nicht spurlos an einer Person vorbei. 

(3) Psychosomatische Anzeichen 

Neben rein körperlichen Symptomen treten nicht selten psychosomatische Anzeichen wie Bettnässen, Verdauungsstörungen, Bauch- und Unterleibschmerzen, Hautkrankheiten, Ohnmachtsanfälle, Angstanfälle, Schlafstörungen, Sprachstörungen (plötzliches Stottern), Übermüdung oder Alpträume auf.20Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 17.  Die mehr unbewusste Hoffnung, der Täter lasse sie angesichts solcher Symptome in Ruhe, kann Hintergrund des Auftretens solcher Anzeichen sein.

(4) Mögliche emotionale Reaktionen

Auch gewisse emotionale Reaktionen können Anzeichen für sexuelle Gewalt sein. Durch den sexuellen Übergriff wird das Selbstbewusstsein des Betroffenen extrem geschwächt. Er fühlt sich wertlos, beschmutzt und dreckig. Diesem Minderwertigkeitsgefühl zufolge entwickeln sich starke Ängste, Scham- und Schuldgefühle, ein Gefühl von Hilflosigkeit oder umgekehrt des Machtstrebens. Einige entwickeln zwanghafte Verhaltensweisen, wie z.B. einen Waschzwang. So wollen sie den „Schmutz“, der ihnen zugefügt wurde, „abschrubben“. Andere wiederum schotten ihren Körper von ihren Gefühlen ab und verlieren so den Zugang zum eigenen Körper. Sie sehen dies oft als einzige Möglichkeit an, die sexuellen Übergriffe überhaupt ertragen zu können.21Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 16f. 

(5) Selbstzerstörerisches Verhalten 

Einige Leidtragende entwickeln selbstzerstörerisches Verhalten. Aggressionen gegen den eignen Körper wie Ritzen, Haare ausreißen, Zigaretten auf der Haut ausdrücken, Bulimie, Magersucht und anderes zerstörerisches Verhalten bis hin zu Suizidversuchen wird gegen den eigenen Körper ins Feld geführt, weil sie diesen als Ursache des Missbrauchs empfinden. 

(6) Störungen im Sozialverhalten 

Auch Störungen im Sozialverhalten können sich aufgrund des erfahrenen Vertrauensbruchs entwickeln. Weil sich Betroffene durch Vertrauenspersonen verlassen und verraten fühlen, ziehen sie sich oft in sich selbst zurück. Besonders Jungen wollen durch aggressive Verhaltensweisen intimere Beziehungen gar nicht erst zustande kommen lassen. Außerdem kann sich auch ein stark sexualisiertes Verhalten entwickeln: altersunangemessenes Wissen über Sexualität (zeigt sich z.B. in Zeichnungen oder Rollenspielen), übersteigerte sexuelle Neugier, exzessives Masturbieren, ständig wechselnde Sexualpartner oder genau umgekehrt eine absolute sexuelle Lustlosigkeit. Und schließlich ist die Schwelle weiblicher Missbrauchsopfer zur Prostitution oft niedriger als „normal".22Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 16f. 

Die beschriebenen Anzeichen können natürlich auch andere Ursachen haben, aber nahezu immer sind die beschriebenen Signale bei Missbrauchsbetroffenen vorhanden. Grundsätzlich gilt deswegen, dass Erwachsene die beschriebenen Verhaltensauffälligkeiten ernst nehmen und ihnen auf den Grund gehen sollten. Denn in der Regel kostet es Betroffenen viel Mut und Überwindung, um über die ihnen zugefügte Gewalt zu sprechen. Warum Opfer lange schweigen und nicht direkt über den Missbrauch sprechen, wird im Folgenden thematisiert. 

4.3. Das Schweigen der Betroffenen

Aus Sicht der Betroffenen gibt es zahlreiche Gründe, wieso sie von ihrem Leiden nicht reden. 

Zwar wird in der Öffentlichkeit vor sexuellen Übergriffen durch Vertrauenspersonen gewarnt, jedoch werden im privaten Umfeld meist nur Warnungen vor fremden Tätern ausgesprochen. So können junge Betroffene die Gewalterfahrung im sozialen Nahraum meist nicht einordnen und passende Worte dafür finden. Sie zweifeln eher an ihren eigenen Wahrnehmungen. Der erlebte Widerspruch, dass sie den Täter zwar lieben, aber auch von ihm missbraucht werden, verwirrt sie häufig völlig. Zudem haben sie oft Angst davor, über das Erlebte zu sprechen, da sie - oft zu Recht- befürchten, dass ihnen niemand Glauben schenken wird.23Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 16f. 

Scham- und Schuldgefühle sind ebenso häufige Ursachen für das Schweigen. Betroffene geben sich für das Geschehen selbst die Schuld, weil sie glauben sich nicht genug gewehrt zu haben oder weil sie selbst eine gewisse Erregung empfunden haben. Mädchen können der Überzeugung sein, sie hätten durch ihren Körper die Tat provoziert. Daher schämen sie sich für ihren Körper und geben sich letztlich selbst die Schuld. 

Bei innerfamiliärem Missbrauch empfinden besonders Mädchen die Angst, dass sie die Verantwortung dafür tragen würden, wenn die Familie aufgrund der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs auseinanderbräche. 

Solche Ängste erhöht der Täter meist noch durch Gewaltandrohungen oder Drohungen zur Geheimhaltung folgender Art „Wenn du das hier erzählst, dann musst du ins Kinderheim.".24Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 13. 

Welche Auswirkungen sexuelle Misshandlung auf die Opfer haben, lässt sich nur schwer einschätzen. Mögliche Folgeschäden werden in nächsten Abschnitt beschrieben. 

4.4. Folgeschäden von sexuellem Missbrauch

(1) Das Trauma

Sexuelle Gewalt gehört zu der Klasse von Traumata, aus denen sich häufig Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) entwickeln. Unter einem traumatischen Ereignis versteht man in der Psychologie eine Situation, in der der Mensch von einem Ereignis „überrascht“ wird. Die Intensität und die Plötzlichkeit des Ereignisses versetzen den Menschen in einen Zustand des Stresses, dem sich der Betroffene ausgeliefert fühlt.25Vgl. Gottfried Fischer, Peter Riedesser, Lehrbuch der Psychotraumatologie, München, 1998, 79; Eine Trauma ist „ […] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“     Die Person sieht keinen Ausweg aus der Situation und weiß auch nicht, wie sie sich auf sie einstellen kann – ein traumatisches Erlebnis überfordert die individuellen und normalen Bewältigungsmechanismen eines Menschen.26Vgl. David Berceli, Körperübungen für die Traumaheilung. Forum bioenergetische Analyse, 2005, 25; vgl. dazu auch Marylene Cloitre/Lisa R. Kohen/ Karestan C. Koenen, Sexueller Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit, Göttingen 2014. 

Ob sich durch das traumatische Erlebnis von sexualisierter Gewalt eine PTBS entwickelt, ist sowohl von den individuell stark variierenden Verarbeitungsmechanismen der Opfer27Da wäre zum einen die individuelle Resilienz des Betroffenen und zum anderen sein familiärer/sozialer Kontext; vgl., Wolff, Sexualmoral, 140f.  als auch von der Schwere (Häufigkeit, Intensität, Relation zum Täter…) des Missbrauchs abhängig.28Vgl. Wolff, Sexualmoral, 140; vgl., Whitman, Schweigen, 63f.  Einen wesentlichen Einfluss auf die Reaktion und die langfristigen Folgen für den Misshandelten spielt die elterliche Einstellung zum Missbrauch, wie sie beispielsweise die Rolle des Kindes im Geschehen einschätzen und das Geschehen insgesamt interpretieren.29Vgl. Wolff, Sexualmoral, 140f.  Auch die Reaktion und der Umgang des Jugendmitarbeiters bei einer Offenlegung des Missbrauchs hat Einfluss auf die Verarbeitung des Missbrauchs seitens des Opfers. 

Tatsache ist, dass „sexualisierte Gewalt“ ein Trauma ist, das häufig eine PTBS nach sich zieht. Bis zu 60% der weiblichen und 65% der männlichen Sexualopfer leiden unter den Symptomen einer PTBS.30Vgl. www.michaela-huber.com/vortraege-folien, Sexualisierte Gewalt und Traumatisierung. 

(2) Symptome einer PTBS 

Nach der ICD-10 Klassifikation von Krankheiten wird PTBS unter F43.131Vgl. Krollner, http://www.icd-code.de/icd/code/F43.-.html, (2014).  als Reaktion auf ein belastendes Ereignis (z.B. Trauma) definiert. Charakteristisch für die PTBS sind das wiederholte Erleben des Traumas in aufdrängenden Erinnerungen (sog. „Flashbacks“) oder in Träumen. Währenddessen empfindet der Betroffene absolute Gefühllosigkeit und Stumpfheit. Weitere typische Merkmale sind Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Freudlosigkeit und Teilnahmslosigkeit. Vegetative Übererregtheit, übermäßige Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Angst und Depressionen, selbstzerstörerische Verhaltensweisen und suizidale Tendenzen sind weitere mögliche Folgeschäden.32Vgl. Krollner, http://www.icd-code.de/icd/code/F43.-.html, (2014).

Die PTBS kann sich durchaus erst Monate oder Jahre nach dem auslösenden Ereignis manifestieren. Gerade bei sexueller Kindesmisshandlung ist dies oft der Fall, da erst mit wachsendem Alter dieses Sexualerlebnis als Misshandlung erkannt wird33Vgl. Rutschky, Sexueller Missbrauch, 142.  oder der Missbrauch so stark verdrängt wurde, dass es einen Auslöser braucht, der die Erinnerungen wiederbringt. 

V. Die Täter

5.1. Ein Täterprofil?!

Sexualstraftäter sind in über 90% der Fälle männlich. Sie gehören allen Alters- und Gesellschaftsschichten an. Ein einheitliches Lebensmuster der Täter gibt es nicht.34Vgl. Whitman, Brecht das Schweigen, 99; Fiedler, Sexuelle Orientierung, 322.  In der Psychologie spricht man von der sexuellen Devianz bei Sexualstraftätern. Dieser Begriff meint eine sexuelle Perversion, d.h. ein von den herrschenden Sexualnormen abweichendes Verhalten. Die Klassifikation nach ICD-10 spricht von Störungen der Sexualpräferenz (F65.-).35Vgl. Krollner, http://www.icd-code.de/icd/code/F65.-.html, (2014). 

Pädophilie bzw. Pädosexualität36In der neueren Forschung wird vermehrt der Begriff „Pädosexualität“ verwendet, da der aus dem griech. stammende Begriff „pädophil“ = „Kinderfreund-liebend“ zu Missverständnissen führen kann. Der Begriff der Pädosexualität scheint hier angemessener.  ist eine dieser Störungen der Sexualpräferenz. Etwa 12-20% der verurteilten Sexualstraftäter an Kindern sind pädosexuell.37Vgl. Fiedler, Sexuelle Orientierung, 293.  Unter Pädosexualität wird die sexuelle Präferenz bzw. Aktivität mit einem Kind, das gewöhnlich ein Alter von 13 Jahren oder weniger hat, verstanden. Pädosexuelle haben ein gestörtes Verhältnis zu Kindern. Aus ihrer Sicht sind die Kinder die eigentlichen Verursacher der sexuellen Übergriffe, nicht sie selbst. Sie fühlen sich durch Kinder verführt.38Vgl. Bange, Pädosexualität, 81ff.  Charakteristisch für Pädosexuelle ist zudem, dass sie meist sozial schwache Kinder ins Auge fassen. Viele Pädosexuelle glauben, den Kindern durch ihre Handlung die Liebe und Aufmerksamkeit zu geben, die sie sonst nicht bekommen, und ihnen dadurch sogar etwas Gutes zu tun.39Vgl. Bange, Pädosexualität, 81ff. 

Wichtig, so betonen Experten, sei festzuhalten, dass Pädosexuelle tatsächlich Gewalttäter seien. Auch wenn sie nicht immer körperliche Gewalt anwenden, so sind sie doch immer in seelischer Hinsicht gewalttätig. Seelische Gewalt hinterlässt jedoch mindestens ebenso schwerwiegende Folgeschäden beim Opfer.40Vgl. Karremann, Welt der Pädophilen, 125. 

Selten geschieht die Tat spontan, sondern wird gut geplant und wiederholt sich in der Regel. Pädosexuelle wenden geschickte Tricks an, um das Kind in eine Situation zu bringen, in der es ihnen ausgeliefert ist. Zu nennen ist hier etwa der sogenannte „Kleidchentrick“, bei dem der Täter gezielt auf das Kind zugeht und fragt: „Was hast du denn da für ein schmutziges Kleidchen an, da wird die Mama aber schimpfen! Komm, das waschen wir schnell aus bei mir."41Karremann, Welt der Pädophilen, 127.  In der Wohnung angelangt, ist das Kind dem Täter völlig ausgeliefert. 

Auch bei Menschen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, kann Pädosexualität vorkommen. Dies ist gerade deshalb so dramatisch, weil Erzieher, Pädagogen, Kinder- und Jugendmitarbeiter oder auch Mentoren genau wissen, wie sie den richtigen Zugang zum Kind bzw. Jugendlichen finden.42Vgl. Karremann, Welt der Pädophilen, 134ff. 

5.2. Sexueller Missbrauch im kirchlichen Kontext

Bei sexuellem Missbrauch handelt es sich in jedem Fall um eine Art von Machtmissbrauch. Jedoch bringt der Missbrauch im kirchlichen Raum eine besondere Schwere und Tragweite mit sich.43Vgl. Zimmer, Kindesmissbrauch in kirchlichen Institutionen, 127ff.  Anklagen des Amtsmissbrauchs, Missbrauchs von Schutzbefohlenen und darüber hinaus Anfragen und Zweifel an die Vertrauenswürdigkeit kirchlicher Leiter und Institution liegen sofort auf dem Tisch. Zudem findet im Bereich der Kirchen auch manchmal eine Kombination aus geistlichem und sexuellem Missbrauch statt, indem Täter beispielsweise vermeintliche Geistlichkeiten als Erklärung oder Rechtfertigung für sexuelle Gewalt verwenden.44Vgl. Poling, Abuse of Power, 153.  Im Namen Gottes missbraucht man seine Macht als Leiter, um seine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Ein falsches Gottesbild, die Abkehr vom Gemeindeleben oder auch vom Leben als Christ sind keine seltenen Folgen.45Vgl. Tempelmann, Geistlicher Missbrauch, 9ff; 42ff. Vgl. auch Michael Albus, Ludwig Brüggemann, Hände weg!: Sexuelle Gewalt in der Kirche, Kevelaer 2011. 

Dass sexuelle Übergriffe in Kirchen und durch kirchliche Leiter stattfinden, bedeutet für Kirchen wie für andere Institutionen erst einmal, dass sie dieser Tatsache ins Auge sehen, nicht versuchen solche Vorfälle zu negieren, sondern anfangen Verantwortung zu übernehmen. Natürlicherweise besteht in jeder Institution, in der Macht -und Leitungsstrukturen vorhanden sind, das Potential des Macht- und Leitungsmissbrauchs. Deswegen sollten Präventionsmaßnahmen wie regelmäßige Aufklärung und eine effektive Rechenschaftskultur innerhalb des Leitungskreises oder gegenüber externen Supervisoren o.Ä. integriert werden.46Vgl. Poling, Abuse of Power, 184f. 

Wie eine Kirche im Falle eines Missbrauchs konkret vorgeht, kann in jedem Einzelfall anders aussehen. Prinzipiell gilt zuerst immer, dass im Sinne und Wohle des Opfers vorgegangen und des Weiteren keine Scheu vor juristischem Einschalten gehegt wird. 

5.3. Ursachen und Behandlungsangebote

Ein Teil der Täter gibt an, in der eigenen Kindheit Opfer von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt gewesen zu sein.47Vgl. Fiedler, Sexuelle Orientierung, 292; 322.   Sie versuchen ihr eigenes Trauma zu bewältigen und ihre Schamgefühle zu überwinden, indem sie andere Kinder missbrauchen. Ein überstiegenes Macht- und Kontrollbedürfnis, sowie emotionale Unreife sind weitere Ursachen. Der Täter benutzt das Kind, um seine eigenen sexuellen Wünsche zu befriedigen.48Vgl. Kolshorn, Ursachenmodel, 362ff.  Außerdem fällt auf, dass beinahe bei der Hälfte der Täter weitere psychische Störungen wie z.B. Ängste, Phobien, Alkoholsüchte oder Depressionen vorzufinden sind.49Vgl. Fiedler, Sexuelle Orientierung, 323. 

Überaus wichtig sind gute Angebote an Therapie- und Hilfsmöglichkeiten für Täter bzw. potentielle Täter. Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden"50Vgl. https://www.kein-taeter-werden.de bietet an vielen Orten in Deutschland ein kostenloses Behandlungsangebot für pädosexuelle Menschen an. Auch das Angebot an Gruppen – oder Einzeltherapien für (potentielle)Täter nahm in den letzten Jahren zu. Täter lassen sich hier auf einen langen, aber lohnenswerten Weg ein, der ihnen einen besseren Umgang  bis zu einer Heilung und Befreiung ihrer Störungen eröffnen kann. Auch in der Forschung widmet man sich verstärkt der Täteranalyse. Denn gerade hierin liegt ein Schlüssel, um die Missbrauchsrate zu verringern. 

VI. Perspektiven für die christliche Jugendarbeit

6.1. Präventionsmaßnahmen Nr 1: Über sexuellen Missbrauch sprechen

Prävention fängt immer mit Aufklärung an. Christliche Jugendarbeit sollte sowohl Mitarbeiter als auch Kinder und Jugendliche regelmäßig für das Thema des sexuellen Missbrauchs sensibilisieren. Dies kann in Form von Filmen oder Themenabenden umgesetzt werden. Im Rahmen einer Predigt oder Andacht kann durchaus mal das Stichwort des „sexuellen Missbrauchs“ fallen. Es eröffnet  Betroffenen Räume und bietet Anlässe zum Gespräch. Dabei sollte möglichst ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass mit Mitarbeitern über Erfahrungen in dieser Hinsicht gesprochen werden darf und es keine Geheimhaltungspflicht seitens des Opfers gibt. 

In Mutter-Kind Gruppen, Kindergottesdienst, Teenagergruppen kann diese Thematik in kindergerechter Form aufgegriffen werden. Auch kann dieser Rahmen dafür genutzt werden, eine gesunde Geschlechtsidentifikation in Kindern zu fördern: Was bedeutet es Frau bzw. Mann zu sein? Und was nicht? Was heißt es das andere Geschlecht zu achten?51Vgl. Eschmann, Missbrauch in der Gemeinde, 26f. 

Inspirationen für Präventionsmaßnahmen lassen sich auch im säkularen Bereich gut finden. Man versucht hier vor allem junge Menschen da aufzusuchen, wo ihr alltäglicher Lebensraum ist (Sport- und Spielplätze, Einkaufscenter, Schwimmbäder). In spielerischer Form versucht man über sexuelle Gewalt und Täterstrategien aufzuklären. Solche spielerischen Elemente lassen sich auch ohne weiteres im Bereich des Kindergottesdienstes integrieren. Auch das Forumtheater wird in diesem Rahmen gerne genutzt.52Vgl. für mehr Ideen: Peter Mosser, Sexualisierte Gewalt gegen Jungen: Prävention und Intervention, Ein Handbuch für die Praxis, München 2014. 

6.2. Sexuellen Missbrauch in Mitarbeiterschulungen thematisieren

Auch in Mitarbeiterschulungen sollte sexueller Missbrauch thematisiert werden. Aufklärung und grundlegendes Wissen in dieser Thematik sind nötig. Workshops zu diesen Themen werden dazu auch von größeren Jugendwerken im wieder angeboten. Außerdem sollten Mitarbeiter klar darauf hingewiesen werden, welche u.a. körperlichen Grenzen sie im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen einzuhalten haben. Beispielsweise sollten eins-zu- eins - Situationen in Zelten bei Kinder- oder Jugendfreizeiten vermieden werden. Des Weiteren sollte auch auf das „auf den Schoß nehmen“ verzichtet werden, nicht zuletzt deswegen, um den Jugendmitarbeiter vor einem Missbrauchsverdacht zu schützen. 

In einem Interview berichtet Ursula Kress,53Vgl. http://www.ev-ki-ox.de/presse/ Beauftragte für Chancengleichheit der Landeskirche in Württemberg und Ansprechpartnerin für Betroffene von sexuellem Missbrauch, über zwei konkrete Schritte zur Prävention. Zum einen plädiert sie, dass jegliche leitende Mitarbeiter in der kirchlichen Einrichtung dafür sensibilisiert werden müssen, wo in ihrem Verantwortungsbereich Risiken liegen. Klare Rollenbilder, sichere Räumlichkeiten, sowie klare Grenzen sind das A und O. Dies sei die Voraussetzungen dafür, dass Schwachstellen erkannt und Schutzkonzepte integriert werden können.

Weiter spricht Kress von einer Art Selbstverpflichtung, die ein jeder Mitarbeiter mit sich selbst ausmacht, um sich selbst über seine Rolle und Grenzen bewusst zu sein. Eine von Leitern gemeinsam verfasste Selbsterklärung kann weiterhin dabei helfen, schon präventiv zu wissen, wen man im Falle eines Missbrauchs kontaktiert. Auch die Verbindung zu professionellen Beratungsstellen vor Ort ist hilfreich.54Vgl. für mehr in dem Artikel: Ursula Kress, Präventiven Schutz vorantreiben – Sexuellen Missbrauch verhindern, in: Für Arbeit und Gesinnung 68, Stuttgart 2014, 20-23. 

6.3. Gesunde Ehen und Familien sind Schutz und Prävention

Eine jüngst erschienene Studie hat gezeigt, dass ein statistischer Zusammenhang besteht zwischen dem innerfamiliären Missbrauchsrisiko einerseits und der biologischen und sozialen Integrität der Familie andererseits. Die Zahlen zeigen, dass verheiratete Frauen und Mädchen, die mit ihrem leiblichen Vater aufgewachsen sind, einem viel geringeren Missbrauchsrisiko ausgesetzt sind als Unverheiratete bzw. Mädchen, die mit keinem Vater oder einem Stiefvater aufgewachsen sind.55Vgl. W. Bradford Wilcox, Robin Fretwell Wilson, Die Ehe – natürlicher Schutzraum für Frauen und Töchter, in: Newsletter 7/2014: Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.; vgl. auch Fourth National Incidence Study of Child Abuse and Neglect (NIS-4), Report to Congress, Andrea J. Sedlack, Jane Mettenburg u.a., 5-22. Die traditionelle Familie bietet demnach immer noch den besten Schutz vor Missbrauch. Diese Tatsache spricht dafür, dass hier Kirchen einen guten Dienst tun, wenn sie sich präventiv für die Stärkung gesunder Ehen und Familien einsetzen. Auch hier muss der Kreativität keine Grenzen gesetzt werden. Familienfreizeiten, Workshops und familienfreundliche Gottesdienste sind hierfür eine gute Möglichkeit. 

6.4. Wenn sich das betroffene Kind anvertraut

Vertraut sich das betroffene Kind oder der Jugendliche einem Mitarbeiter an, sollte der Mitarbeiter zwar seine eigenen Gefühle wahrnehmen, jedoch das Kind mit den eigenen emotionalen Reaktionen nicht belasten! Eine persönliche Verarbeitung seitens des Mitarbeiters ist enorm wichtig, gehört aber in einen anderen Rahmen wie den eines Mentoren-, Seelsorger- oder Supervisionsverhältnisses.56Gerhard, Umgang sexueller Missbrauch, 12. 

Der Mitarbeiter sollte kommunizieren, dass er dem Opfer glaubt und vertraut. Der Betroffene fürchtet sich vor nichts mehr, als dass ihm nicht geglaubt wird. Ein weiterer Vertrauensmissbrauch kann vieles zerstören und verschlimmern.57Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 22.  Mit einer parteilichen Unterstützung sollte der Mitarbeiter dem Betroffenen deutlich machen, dass allein der Täter an dem Missbrauch und seinen Folgen Schuld hat.58Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 22. Insbesondere bei Jugendlichen sollte nichts im Hinblick auf das weitere Vorgehen über ihren Kopf hinweg entschieden werden. Ihre Selbstbestimmung ist bereits durch den Täter massiv verletzt worden. Dies sollte hier nicht wiederholt werden. Der Mitarbeiter soll mit dem Betroffenen im Gespräch bleiben und sich zusätzlich fachkompetente Beratungsstellen59Beratungsstellen finden Sie durch eine kurze Internetsuche mittlerweile fast in jeder Stadt oder der nächstliegenden größeren Stadt.  Der „Weiße Ring“ ist eine Anlaufstelle für Opfer.  (https://www.weisser-ring.de/internet/)  suchen, die bei dem weiteren Vorgehen helfen können. 

6.5. Der ganzheitliche Vergebungs- und Heilungsprozess der Betroffenen

(1) Die Warum-Frage seitens der Betroffenen

„Wie kann es Gott wagen zu sagen, dass er mich liebt? Meine Erfahrungen sprechen vom Gegenteil. Hier bin ich nun ohne nichts: Ich schaffe es nicht die Bibel zu lesen, ich schaffe es nicht zu beten und ich schaffe es nicht durch einen Gottesdienst zu kommen ohne in Tränen oder Wut auszubrechen. Mein Leben wurde ruiniert – wieso also, kann ich nicht einfach bitter bleiben? In den ersten Jahren meines Lebens wurde ich von Menschen missbraucht und gedemütigt, die mich eigentlich lieben sollten – wie kann ich nur jemals wieder Menschen vertrauen? Jegliche Erinnerungen an meine Vergangenheit sind grauenhaft – wieso also, kann ich meinen Schmerz nicht einfach in Alkohol, Drogen oder Sex untergehen lassen? Wieso also Gott soll ich dir glauben, wenn du sagst, dass du mich liebst? Wenn du, Gott, doch allmächtig und gerecht bist, wie kannst du zulassen, dass Unschuldige leiden? Wie kann es sein, dass es Menschen, die nichts mit dir zu tun haben, gut geht und Menschen, die dich lieben oder suchen, so leiden müssen? Wie und warum konnte Gott so etwas zulassen? Hat er nicht gut genug auf mich aufgepasst? Was soll nun aus mir und meinem Leben werden? Wollte Gott mich für eine Sünde bestrafen? Was ist denn nur los mit mir?“ 

Mit solchen Fragen möchte der Betroffene das Geschehene verstehen und in sein Welt- und Gottesbild integrieren. Wohlmeinende Antworten „doch einfach alles zu vergeben, loszulassen und zu vergessen“ können dabei gerade ein Hindernis im Heilungsprozess sein. Gleichzeitig kann eine intensive Auseinandersetzung mit diesen wichtigen Fragen eine entscheidende Hilfe zur ganzheitlichen Heilung des Betroffenen sein.60Vgl. Whitman, Brecht das Schweigen, 73. 

(2) Die Leidenden in der Bibel 

Die Bibel klammert die im vorangehenden Abschnitt dargelegten Fragen, Anklagen und Vorwürfe keineswegs aus. Ganz im Gegenteil ist die Bibel voller Geschichten von Menschen, die von Leid nicht verschont wurden. So ist beispielsweise der Großteil der Psalmen Klagepsalmen. Der Psalmist Asaph stellt sich in Psalm 73 die Frage, wieso es dem gottfernen Menschen offensichtlich so gut und dem gottliebenden Menschen so schlecht gehe. In Psalm 55 schreit und fleht David zu Gott, weil –nicht ein Feind- sondern ein vertrauter Freund ihn betrogen und hintergangen hat (Ps 55, 12-15). Psalm 56 spricht davon, wie sich jemand fühlt, der umfangen und gefangen von Menschen ist, die ihn hassen. Psalm 57 spricht von den Feinden, die jemanden belagern und verfolgen. 

Weder die Psalmisten noch Hiob, die wahrscheinlich bekannteste Figur in der Bibel, die unverschuldet Leid erlebt, erhalten von Gott eine Antwort für den Grund ihres Leids. Sie alle machen die Erfahrung, dass wir in einer nicht perfekten Welt leben, in der grausame Dinge passieren. Niemand besitzt eine Garantie vor Leid bewahrt zu bleiben. Die Frage des persönlichen Leids ist und bleibt eine sehr herausfordernde Frage des Lebens. Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem alttestamentlichen Buch Hiob könnte hilfreich und heilsam sein. Hiobs Gebete, sowie die der Psalmisten können zu eigenen Gebeten zu Gott werden. Gott hat auch Hiob nicht eröffnet, wie die Welt „funktioniert“ und warum ihm solche Leiderfahrungen zugestoßen sind (Hiob 13).

Auch wenn meistens nicht erklärt werden kann, warum Gott so viel Leid und Ungerechtigkeit zulässt, ist Gottes Ziel mit dem Menschen immer sein Heil und seine Wiederherstellung. Gott will und kann befreien. Er baut Zerstörtes wieder auf! Die Tatsache, dass Hiob oder die Psalmisten keine Antworten für den Grund ihres Leids bekommen, hält sie jedoch nicht davon ab, Gott zu vertrauen. Glaube bedeutet nicht Antworten zu haben. Es bedeutet vielmehr in Widerwärtigkeiten auf Gott zu vertrauen, auch wenn man die Gründe für das erlittene Leid niemals erfährt.

Jesus selbst stellt sich als Leidender auf die Seite der Schwachen, Ausgestoßenen und Bedrängten. Jesus ist für die Armen, Kranken, Zerbrochenen und Gefangenen gekommen (vgl. Luk 4, 18). Er ist mitten unter ihnen, leidet mit und in ihnen. Jesus ist im Dunkeln gegenwärtig und erweist sich schließlich als mächtig in den Schwachen(2. Kor 12, 9). 

(3) Das ehrliche Gebet vor Gott als Ausdruck des Gottvertrauens 

Eines verbindet jedoch sowohl die Psalmisten als auch andere biblische Figuren: Sie schreien und schütten ihr Herz vor Gott aus. Ein ehrliches Klagen und das Ausdrücken des erlittenen Leids vor Gott sind notwendig und heilsam. Vielleicht ist es genau das, was sie davor bewahrt ihr Leid mit den falschen Mitteln besänftigen oder kurzfristig betäuben zu wollen. 

Jesus selbst schreit bei seinem Tod am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Mit diesem Zitat aus den Psalmen drückt Jesus genau das aus, wie sich der Leidende vor Gott fühlt. Er fühlt sich von Gott verlassen und vergessen. Jesus schreit seinen Schmerz und seine Qual vor Gott aus. 

Leid an sich ist nicht gut und daran lässt sich auch nichts schön reden. Psalm 88 ist der einzige Klagepsalm, der nicht mit einem Ausdruck der Hoffnung und des Vertrauens auf Gott endet. Und trotzdem ist dieser Psalm ein Ausdruck des Glaubens. Er zeigt, dass der Glaube manchmal versteckt, aber doch trotzdem vorhanden und echt sein kann.61Vgl. McCartney, Why, 105f. 

Nicht zuletzt sollten das erlittene Leid mit den Klagen und Anfragen an Gott zum Kreuz Jesu gebracht werden – die zugefügte Gewalt, der entstandene Scham und Ekel, die tiefe Verletzung, die Demütigung, der Vertrauensbruch, die empfundene Selbstverachtung und Einsamkeit, Verrat, die entstandenen Wunden und die bleibenden Narben – wer könnte da tieferes Mitgefühl haben, wenn nicht Jesus selbst (vgl. Hebr 4, 15-16). Im Kreuz offenbart sich Gott nicht in seiner Macht und Pracht, sondern im Gegenteil wird hier menschliche Ungnade, Not, Leid, Schwachheit, Versagen und Tod sichtbar. Gottes Antwort für Leid, Gewalt und Missbrauch hat ihren Höhepunkt in der Person Jesu. Sein Leben, sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung zeigen, dass in Jesus, Gott, der Schöpfer des Menschen zum Erlöser des Menschen wurde. Der Mensch wird von einem leidenden Gott gerettet und erlöst.

(4) Gott hört den Leidenden

Weiter erfahren die Leidtragenden, dass Gott sie in ihrem Leid sieht und hört (vgl. Psalm 55, 18; Hiob 38f). Gott hört die Stimme eines schreienden Knaben (Gen 21, 17-18) genauso wie die eines flehenden Volkes Israels, das aus der Sklaverei befreit werden will (Ex 2, 23-24). Sie alle kommen anschließend immer zu dem Ergebnis, dass Gott ihres Lobes und ihrer Liebe würdig ist, ganz unabhängig von den Segnungen, die er sie erfahren lässt.62Vgl. Archer, Gleason L. Jr., The Book of Job. God’s Answer to the Problem of Undeserved Suffering, Grand Rapids 1982, 19. Eine Begegnung mit dem allmächtigen Schöpfer des Universums verändert ihr Herz und ihre Haltung grundlegend. Auch wenn sich nicht über Nacht alles ändert, sondern vielmehr ein Prozess der Heilung und Rettung angestoßen wird, so richten sie ihren Blick doch auf Gott und vertrauen ihm und seinen guten Verheißungen. Von diesem Vertrauen spricht Jakobus (Jak 5, 11) und erinnert die Gläubigen dabei an das Ende der Leidensgeschichte Hiobs, als sich Gott als mitleidend und barmherzig erwiesen hat. Und ein letztes erfahren die Leidenden in der Bibel: sie finden Antworten in der unübertrefflichen Weisheit Gottes.63Vgl. Archer, Job, 20f. Sie erkennen, dass Gottes Wege oft die Grenzen des menschlichen Verstehens sprengen. Gottes Perspektive ist eine andere. Eine Perspektive, die uns zumindest teilweise auf dieser Erde verborgen bleiben wird. Gott schaut von der Ewigkeit her und verfolgt immer das Ziel den Menschen durch eine versöhnte Beziehung mit Ihm wiederherzustellen. Derselbe Gott, der den Menschen geschaffen hat, will ihn schließlich auch retten und heilen, in dem er selbst freiwillig durch Leid, Schmerz, Schwachheit und Tod geht.

(5) Gott tröstet und heilt den Leidenden

Die Bibel spricht mit Jesus von einem Gott, der das Leiden kennt, weil er es selbst ertragen hat. Nicht nur Empathie, sondern eine volle Identifikation zwischen Jesus und dem leidenden Menschen findet hier statt (Röm 8, 17). Das Leiden Jesu hatte einen bestimmten Zweck und Bedeutung. Aber die Geschichte endet nicht bei der Kreuzigung Jesu. Der Grund dafür, dass Gott seinen Sohn auf die Erde schickte, war genau der, dass er durch den Tod Jesu dem Leiden, dem Sterben und der Sünde ein Ende setzen wollte. Mit der Auferstehung Jesu hat Gott über  das menschliche Leiden und Sterben gesiegt und damit gezeigt, dass er ein Gott ist, der Wiederherstellung und Leben schafft. 

Während Angst, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit die drei Faktoren sind, die das Leiden verschlimmern,64Vgl. McCartney, Why, 109f.  entgegnet Gott in seinem Wort von dem immer bleibenden Glauben, der Liebe und der Hoffnung (1. Korinther 13). 

Die wohl am häufigsten in der Bibel erwähnte Aufforderung ist „Fürchte dich nicht!“. Diese Aufforderung will zum Glauben und Vertrauen an den guten, allmächtigen und souveränen Gott aufrufen. Er ist der Gott, den Gläubige als ihren Schutz, Schild, festen Fels und Zuflucht erleben. 

Gottes Liebe bedeutet vor allem eins, dass er seine Geliebten nicht alleine lässt. Gottes Versprechen zu Josua „Ich lasse dich nicht fallen und ich verlasse dich nicht!“ (Josua 1, 5) gilt heute genauso. Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind (Psalm 34, 19). Die Nähe Gottes in Zeiten des Leids lässt sich durch nichts ersetzen. 

Wenn die Bibel von Hoffnung spricht, so steht dahinter eine feste Erwartung auf Erlösung und Befreiung in der Zukunft. Neben der endgültigen Erlösung von Leid, Schmerz und Ungerechtigkeit in der Ewigkeit mit Gott, zeigt die Bibel einen Gott auf, der bereits auch hier heilt und wiederherstellt (Offb 21, 4-5; 2. Petrus 3, 13ff.). So sprechen einige Psalmen und auch Propheten von dem Gott, der die Menschen mit zerbrochenen Herzen heilt und ihre Wunden verbindet (Psalm 147, 3). 

Schließlich zeigt auch das Ende der Leidensgeschichte Hiobs, dass es Grund für Hoffnung auf Wiederherstellung gibt. Gott ist gerecht und schafft Gerechtigkeit. Betroffene sexuellen Missbrauchs können vergeben und brauchen sich nicht selbst am Täter zu rächen, weil Gott ein gerechtes Gericht vollziehen wird. Leidende können Gott als den einzig Gerechten (1. Joh 2, 1), im Vertrauen das Richten überlassen. Gott ist es, der alles zurecht bringen wird (Offb 20, 11; 2. Pt 3, 7-12; Joh 5, 26-29; Apg 17, 30-31). Gott ist derjenige, der schließlich eine Welt der Gerechtigkeit, Wahrheit und der Friedens schaffen wird. Er wird Betrug, Ungerecht und Gewalt ein Ende setzen.65Vgl. Miroslav Volf, Exclusion and Embrace, Nashville 1996, 295ff. 

(6) Der Leidende und die Hilfe durch heilsame Beziehungen

Praktisch theologische Perspektiven, die zu einem gewissen Zeitpunkt eingebracht werden können, sind zum einen das Stärken der persönlichen Gottesbeziehung wieder zu fördern und zudem das Vertrauen in Gottes Güte wiederherzustellen. Güte und Gnade zeichnen sein Wesen aus. Er liebt den Menschen und sein Geschöpf ist ihm keineswegs gleichgültig. Gott möchte und wird helfen. Auch wenn der Betroffene dies in seiner momentanen Lebenswirklichkeit nicht so empfindet, so hilft ein empathisch ausgedrückter „Fürglaube“ durch den Seelsorger, Mitarbeiter oder guten Freund (vgl. Mk 2, die Freunde des Gelähmten). 

Der Weg zur Vergebung und ganzheitlichen Heilung –seelisch und geistlich- ist immer ein langer Prozess. Das verletze und verzerrte Selbst- sowie Gottesbild kann in einer langfristigen und vertrauensvollen Beziehung zu einem Therapeuten und Seelsorger66Soweit nur möglich ist unbedingt eine Kombination aus guter Therapie und christlicher Seelsorge anzustreben. Von einem allein seelsorgerlichen Engagement ohne Therapie ist abzuraten.  wiederhergestellt werden. Wesentlich sind zudem auch Beziehungen zu Freunden und Familie, die diesen Prozess freundschaftlich und hilfreich begleiten. Starke Freundschaften und eine Atmosphäre des sich „sicher Fühlens“ im Jugendkreis können enorm heilsam für Betroffene sein. Christliche Gemeinden und Einrichtungen haben ein großes Potential so eine Atmosphäre zu schaffen. Menschen sind es, die hier Gottes Wärme, Mitgefühl, Zuwendung und liebevolle Aufmerksamkeit zum Ausdruck bringen können. Der Weg der Wiederherstellung ist meist ein langer, schmerzhafter und ermüdender Kampf, den der Betroffene keineswegs alleine antreten sollte. Betroffene berichten in den meisten Fällen, dass ein guter Freundeskreis ausschlaggebend für den Heilungsprozess war. 

(7) Die Vergebung seitens des Leidenden – eine seelsorgerliche Herausforderung 

Vergebung bedeutet nicht ein Vergessen, geschweige denn Verdrängen des Missbrauchs. Vergebung bedeutet auch nicht, das Verhalten des Täters zu entschuldigen oder den Missbrauch um des Friedens willen zu beschönigen. Zu vergeben heißt weiterhin auch nicht, den Täter oder seine Tat zu akzeptieren oder zu tolerieren.67Vgl. Whitman, Brecht das Schweigen, 75. 

Wahrer Vergebung muss die Aufdeckung und Zuordnung der Schuld vorangehen.68So wie es beispielsweise bei Davids Ehebruch der Fall war.  Der Theologe Whitman spricht von Vergebung als eine Tür zu Wiederherstellung gesunder Beziehung, sowohl zu Gott, sich selbst und sogar auch dem Täter. Weiter schreibt er über Vergebung: „ Vergebung stellt sich dem geschehenen Bösen und verdrängt es nicht, und gleichzeitig befreit sie vor der Versklavung an dieses Böse und den Täter. Solche Vergebung braucht Zeit; man kann sie nicht erzwingen. Sie ist eine bewusste Wahl – und doch Gnade und ohne Gnade nicht möglich."69Whitman, Brecht das Schweigen. 76.  Vergebung ist möglich, weil der Glaube an einen Gott, der selber nicht aufhören kann zu geben und zu vergeben, Menschen die Freiheit schenkt zu geben und zu vergeben.70Vgl. Miroslav Volf, Umsonst, Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Kultur, Grand Rapids 2011. 

(8) Zum Täter: eine Chance zur Wiederherstellung 

Der Bund der Freien Evangelischen Gemeinden in Deutschland veröffentlichte ein Begleitband für pastorale Führungskräfte über den Umgang mit sexuellem Missbrauch in Gemeinden.71Vgl. http://www.feg.de/fileadmin/user_upload/Presse/FeG-Text_2006_Sexueller_Missbrauch.pdf  Auch Hilfestellungen für den Umgang mit Tätern werden hier thematisiert. Neben all den notwendigen und nicht zu vernachlässigenden juristischen Fragen und Prozessen, soll dabei nicht zu gering gewertet werden, welches enorme Potential in christlichen Gemeinschaften existiert, dem bereuenden Täter die Vergebung und Liebe Gottes widerzuspiegeln und nahezubringen. Auch für Täter ist neben einer psychotherapeutischen Behandlung eine seelsorgerliche Begleitung hilfreich. Weitere praktische Fragen, ob beispielsweise der Täter die Gemeinde wechseln sollte, müssen im Einzelfall entschieden werden. Dabei hat immer das Wohl des Opfers Priorität. 

Gott verfolgt mit jedem bereuenden Sünder das Ziel der Erlösung und Wiederherstellung. Wenn nun auch Sexualstraftäter in einer christlichen Gemeinschaft, die von einer vergebenden und gnadenvollen Haltung geprägt ist, Platz finden, so ist das ein Zeugnis des lebendigen und gnädigen Gottes, von dem die Bibel spricht. Sie spricht von einem gnädigen Gott, der dem bereuenden Sünder entgegenläuft, ihn aufnimmt, ihm vergibt und die Chance eines Neuanfangs anbietet. 

Soll nicht gerade die christliche Gemeinschaft eine Gemeinschaft von sich einander bekennenden Sündern werden? Im folgenden Zitat schreibt Bonhoeffer über den einsamen Sünder in der christlichen Gemeinschaft: „Bekennet einer dem andern seine Sünden (Jakobus 5, 16). Wer mit seinem Bösen allein bleibt, der bleibt ganz allein. Es kann sein, dass Christen trotz gemeinsamer Andacht, gemeinsamen Gebetes, trotz aller Gemeinschaft im Dienst allein gelassen bleiben, dass der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder. Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünden vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen. Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre. Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und der Heuchelei; denn wir sind nun einmal Sünder."72Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, Stuttgart, 1954, 95. 

VII. Mia hat es geschafft, dass...

… der sexuelle Missbrauch durch ihren Vater kein Geheimnis geblieben ist. „Das ist möglich. Unglaublich, aber wahr.“, sagt Mia in einem selbstgedrehten youtube-Video. Heute ist sie 23, hat ihre Missbrauchsgeschichte veröffentlicht und möchte damit anderen Betroffenen Mut machen und Hoffnung geben, dass es möglich ist „damit klar zu kommen“. Mias Mut und Stärke hat Vorbildcharakter. Nicht nur, dass Opfer sich trauen über ihren Missbrauch zu sprechen, sondern auch, dass Menschen, denen Kinder oder Jugendliche – in welchem Setting auch immer – anvertraut worden sind, genau hinschauen und Raum für die Aussprache solcher Grausamkeiten schaffen, indem sie die Initiative ergreifen und sexuellen Missbrauch zur Sprache bringen. Verantwortungsvolles Reagieren – auch wenn nur punktuell – auf jegliche vom Opfer gesendete Signale sind eine entscheidende Hilfe für Betroffene sexuellen Missbrauch als solchen einzuordnen. 

Katharina Steinhauer

Endnoten

  • 1
    http://www.missbrauch-opferratgeber.de/zahlen-und-fakten.html.
  • 2
    Vgl. Eschmann, Missbrauch in der Gemeinde, 7.
  • 3
    Vgl. Bundesministerium, http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen/Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 8. 
  • 4
    Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 8
  • 5
    Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 25.
  • 6
    Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de /fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 23. 
  • 7
    Im vorliegenden Artikel wird durchgehend das männliche Geschlecht gebraucht (z.B. „Täter“), dabei wird das weibliche Geschlecht aber immer mitgedacht. 
  • 8
    Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 27. 
  • 9
    Vgl. http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen /Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 28. 
  • 10
    Vgl. Heinrich Schönfelder, Deutsche Gesetze, Sammlung des Zivil-, Straf und Verfahrensrechts, München 2014, 90ff. 
  • 11
    Vgl. Schönfelder, Gesetze, 91.  
  • 12
    Vgl. mit folgender Definition: „Die sexuelle Misshandlung ist eine unter Ausnutzung einer Macht- oder Autoritätsposition (erzwungene) sexuelle Aktivität eines Erwachsenen mit einem/r Minderjährigen in der Form (1) der Belästigung, (2) der Masturbation, (3) des oralen, analen oder genitalen Verkehrs oder (4) der Nötigung oder Vergewaltigung (also des angedrohten oder tatsächlichen gewaltsamen Verkehrs), die zu einer körperlichen oder seelischen Schädigung bzw. zu einer Entwicklungsstörung führt und die das Wohl und die Rechte eines/r Minderjährigen beeinträchtigt.“ Wolff, Sexualmoral, 128. 
  • 13
    Vgl. Wolff, Sexualmoral, 129f; vgl. auch Fegert, Sexueller Kindesmissbrauch, 29f; sowie Gründer Mechthild, Sexueller Missbrauch in Familie und Institutionen, Psychodynamik, Intervention und Prävention, 14ff.
  • 14
    Vgl. Wolff, Sexualmoral, 130; vgl. auch Fegert, Sexueller Kindesmissbrauch, 29f;  sowie Gründer Mechthild, Sexueller Missbrauch in Familie und Institutionen, Psychodynamik, Intervention und Prävention, 14ff.
  • 15
    Vgl. Bundesministerium, http://www.hilfeportal-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Informationen/Uebersicht_sexueller_missbrauch/PKS2012.pdf, 27; vgl. auch Fourth National Incidence Study of Child Abuse and Neglect (NIS-4), Report to Congress, Andrea J. Sedlack, Jane Mettenburg u.a., 6-1ff. 
  • 16
    Wolff, Sexualmoral, 134. 
  • 17
    Wolff, Sexualmoral, 135. 
  • 18
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 14. 
  • 19
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 14f. 
  • 20
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 17. 
  • 21
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 16f. 
  • 22
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 16f. 
  • 23
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 16f. 
  • 24
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 13. 
  • 25
    Vgl. Gottfried Fischer, Peter Riedesser, Lehrbuch der Psychotraumatologie, München, 1998, 79; Eine Trauma ist „ […] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“    
  • 26
    Vgl. David Berceli, Körperübungen für die Traumaheilung. Forum bioenergetische Analyse, 2005, 25; vgl. dazu auch Marylene Cloitre/Lisa R. Kohen/ Karestan C. Koenen, Sexueller Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit, Göttingen 2014. 
  • 27
    Da wäre zum einen die individuelle Resilienz des Betroffenen und zum anderen sein familiärer/sozialer Kontext; vgl., Wolff, Sexualmoral, 140f. 
  • 28
    Vgl. Wolff, Sexualmoral, 140; vgl., Whitman, Schweigen, 63f. 
  • 29
    Vgl. Wolff, Sexualmoral, 140f. 
  • 30
    Vgl. www.michaela-huber.com/vortraege-folien, Sexualisierte Gewalt und Traumatisierung. 
  • 31
    Vgl. Krollner, http://www.icd-code.de/icd/code/F43.-.html, (2014). 
  • 32
    Vgl. Krollner, http://www.icd-code.de/icd/code/F43.-.html, (2014).
  • 33
    Vgl. Rutschky, Sexueller Missbrauch, 142. 
  • 34
    Vgl. Whitman, Brecht das Schweigen, 99; Fiedler, Sexuelle Orientierung, 322. 
  • 35
  • 36
    In der neueren Forschung wird vermehrt der Begriff „Pädosexualität“ verwendet, da der aus dem griech. stammende Begriff „pädophil“ = „Kinderfreund-liebend“ zu Missverständnissen führen kann. Der Begriff der Pädosexualität scheint hier angemessener. 
  • 37
    Vgl. Fiedler, Sexuelle Orientierung, 293. 
  • 38
    Vgl. Bange, Pädosexualität, 81ff. 
  • 39
    Vgl. Bange, Pädosexualität, 81ff. 
  • 40
    Vgl. Karremann, Welt der Pädophilen, 125. 
  • 41
    Karremann, Welt der Pädophilen, 127. 
  • 42
    Vgl. Karremann, Welt der Pädophilen, 134ff. 
  • 43
    Vgl. Zimmer, Kindesmissbrauch in kirchlichen Institutionen, 127ff. 
  • 44
    Vgl. Poling, Abuse of Power, 153. 
  • 45
    Vgl. Tempelmann, Geistlicher Missbrauch, 9ff; 42ff. Vgl. auch Michael Albus, Ludwig Brüggemann, Hände weg!: Sexuelle Gewalt in der Kirche, Kevelaer 2011. 
  • 46
    Vgl. Poling, Abuse of Power, 184f. 
  • 47
    Vgl. Fiedler, Sexuelle Orientierung, 292; 322.  
  • 48
    Vgl. Kolshorn, Ursachenmodel, 362ff. 
  • 49
    Vgl. Fiedler, Sexuelle Orientierung, 323. 
  • 50
  • 51
    Vgl. Eschmann, Missbrauch in der Gemeinde, 26f. 
  • 52
    Vgl. für mehr Ideen: Peter Mosser, Sexualisierte Gewalt gegen Jungen: Prävention und Intervention, Ein Handbuch für die Praxis, München 2014. 
  • 53
  • 54
    Vgl. für mehr in dem Artikel: Ursula Kress, Präventiven Schutz vorantreiben – Sexuellen Missbrauch verhindern, in: Für Arbeit und Gesinnung 68, Stuttgart 2014, 20-23. 
  • 55
    Vgl. W. Bradford Wilcox, Robin Fretwell Wilson, Die Ehe – natürlicher Schutzraum für Frauen und Töchter, in: Newsletter 7/2014: Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.; vgl. auch Fourth National Incidence Study of Child Abuse and Neglect (NIS-4), Report to Congress, Andrea J. Sedlack, Jane Mettenburg u.a., 5-22.
  • 56
    Gerhard, Umgang sexueller Missbrauch, 12. 
  • 57
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 22. 
  • 58
    Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 22.
  • 59
    Beratungsstellen finden Sie durch eine kurze Internetsuche mittlerweile fast in jeder Stadt oder der nächstliegenden größeren Stadt.  Der „Weiße Ring“ ist eine Anlaufstelle für Opfer.  (https://www.weisser-ring.de/internet/) 
  • 60
    Vgl. Whitman, Brecht das Schweigen, 73. 
  • 61
    Vgl. McCartney, Why, 105f. 
  • 62
    Vgl. Archer, Gleason L. Jr., The Book of Job. God’s Answer to the Problem of Undeserved Suffering, Grand Rapids 1982, 19.
  • 63
    Vgl. Archer, Job, 20f.
  • 64
    Vgl. McCartney, Why, 109f. 
  • 65
    Vgl. Miroslav Volf, Exclusion and Embrace, Nashville 1996, 295ff. 
  • 66
    Soweit nur möglich ist unbedingt eine Kombination aus guter Therapie und christlicher Seelsorge anzustreben. Von einem allein seelsorgerlichen Engagement ohne Therapie ist abzuraten. 
  • 67
    Vgl. Whitman, Brecht das Schweigen, 75. 
  • 68
    So wie es beispielsweise bei Davids Ehebruch der Fall war. 
  • 69
    Whitman, Brecht das Schweigen. 76. 
  • 70
    Vgl. Miroslav Volf, Umsonst, Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Kultur, Grand Rapids 2011. 
  • 71
    Vgl. http://www.feg.de/fileadmin/user_upload/Presse/FeG-Text_2006_Sexueller_Missbrauch.pdf 
  • 72
    Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, Stuttgart, 1954, 95. 

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